Gedankenspiele beim verflixten Kilometer 35
Salzburg Marathon / Bryan Reinhart
02. May 2015
Karl Aumayr Karl Aumayr

Gedankenspiele beim verflixten Kilometer 35

In meinem Kopf tobt ein Kampf. Es ist eine Schlacht, die mein Körper entfacht hat und der sich mein Geist als mächtiger Verteidigungswall entgegenstemmt. Die Wogen des Angriffs prallen ab an meinem Willen, doch die Mauer des Widerstands bröckelt und droht einzustürzen. Es ist der Tag des Marathons, und ich passiere gerade Kilometer 35.

Vom Start weg war jeder Schritt darauf ausgelegt, keinen Fehler zu machen. Jeder Atemzug diente nur dem Zweck, die geplante Marschroute einzuhalten und nicht vom Weg abzuweichen, nicht zu wanken, wenn der Übermut kommt oder die Desillusionierung, die sich langsam einschleicht, wenn man merkt, wie weit weg das lang ersehnte Ziel noch ist. Und obwohl der Fokus nicht auf dem Weg, nicht auf den Leuten am Straßenrand und nicht bei den Athleten rund um mich liegt, sondern nur auf meinen Schritten, auf dem Rhythmus meines Atems, auf den inneren Mechanismen meines Körpers, die ich so gut zu kennen glaubte wie nichts anderes, hat sich bei Kilometer 28 zum ersten Mal dieses Gefühl der Ohnmacht gezeigt, das ich anfangs noch mit einem ruhigen Atemzug verbannen konnte, das jedoch mit jedem Schritt umso stärker wurde, bis es schließlich an meine mentale Barriere zwischen körperlichem Schmerz und unbändigem Willen zum Weiterlaufen angekommen war.

Seitdem kämpfe ich. Die Angriffe waren zu Beginn noch vorsichtig, hatten lediglich den Zweck, nach Schwachstellen im psychischen Gerüst zu suchen, doch mit jeder neuen Angriffswelle, die von meinen Beinen ausgesandt wird, nähert sich der Moment der Kapitulation, ruft sirenengleich nach mir, lockt mich mit dem Gedanken an Erholung, an absolute Entspannung. Mit jedem Schritt wird der Asphalt unter meinen Füßen weicher, wirkt schließlich wie eine wohlige Matratze, auf die ich mich legen und schlafen kann. Aber noch ist es nicht Zeit dafür, noch leistet mein Geist Widerstand, bäumt sich auf gegen jede weitere Angriffswelle. So gut es geht unterstütze ich ihn, schmettere den Armeen meiner Physis die stärkste Waffe entgegen, die ich aufbringen kann – das Mantra, das mir Gewissheit verschafft, den einen Satz, den ich mir eingeprägt habe, der als Bollwerk zwischen Sieg und Niederlage steht: Ich schaffe es, weil ich es kann!

Und ich weiß, dass ich es kann! Ich kann es! Ich schlage Angriff um Angriff zurück, bin plötzlich bei Kilometer 38, höre bereits den Applaus, sehe am Horizont das Ziel und weiß aber gleichzeitig, dass die Schlacht nicht gewonnen ist. Deshalb sammle ich meine Kraft, für einen letzten Gegenschlag, den alles entscheidenden Moment, der mich uneinholsam nach vorne antreibt, der mich dem Ziel entgegen fliegen lässt. Er wird gestärkt durch die Gewissheit, dass ich gut trainiert habe, dass ich in Form bin, dass ich so viele Entbehrungen auf mich genommen habe, um genau im Hier und Jetzt die Kraft zur Gegenwehr aufbringen zu können. Und gerade in dem Augenblick, in dem ich zum großen Gegenschlag aushole, merke ich, dass der Kampf nicht die Lösung ist, sondern der Frieden, dass mein Körper nicht der Feind meines Geistes ist, sondern eigentlich sein Verbündeter.

Und ich kämpfe nicht mehr, sondern nehme den Schmerz an, akzeptiere ihn an meiner Seite, sehe ihn als die Konsequenz dessen, was mein Wille mir aufgetragen hat zu tun. Und gleichzeitig konzentriere ich die Kraft nicht mehr auf die Gegenwehr, sondern auf das gemeinsame Ziel, in dem Körper und Geist vereint sind. Und diese Kraft nutze ich, als ich bei Kilometer 41 zum ersten Mal merke, dass ich mein Ziel längst erreicht habe, denn nichts hält mich mehr auf, ich gewinne Meter um Meter, bis es nicht mehr wehtut, bis ich auf der letzten Geraden in Richtung Residenzplatz bin, bis ich ins Ziel einlaufe. Hand in Hand. Mit meinem Willen, meiner Kraft, meinem Geist. Ich habe es geschafft, weil ich es wollte, weil ich es konnte, weil ich auch dann nicht aufgegeben habe, wenn ich schwach war. Aber vor allem deshalb, weil ich erkannt habe, dass es nicht um den Sieg in einem Kampf geht, sondern um den Frieden zwischen Körper und Geist, die mich als Einheit angetrieben haben.