Im Rhythmus
Salzburg Marathon / Bryan Reinhart
20. Apr 2015
Karl Aumayr Karl Aumayr

Im Rhythmus

Der Wecker läutet. Wenn ich auf die Uhr blicke, ist es 4:45 Uhr und draußen ist es noch dunkel. Trotzdem schlage ich die Decke zurück und spüre beim Aufstehen meine müden Beine, die vom Training am Vortag noch schmerzen. Aber schon nach den ersten Schritten in Richtung Badezimmer merke ich, dass der Kreislauf ganz langsam anspringt, dass der Puls steigt und die Müdigkeit mit jedem Meter ein wenig mehr aus dem Körper weicht.

Und dann – ein paar Minuten später – nehme ich in meinen Laufschuhen die ersten tiefen Atemzüge der frischen Morgenluft. Sie beleben und motivieren mich. In der Dunkelheit sind die Schritte auf dem Asphalt das einzige Geräusch, das ich wahrnehme. Die Uhr gibt den Takt vor, aber ich höre auf den Rhythmus, die Regelmäßigkeit, mit der ich mich durch den frühen Morgen Kilometer um Kilometer nach vorne kämpfe. Es ist nicht einfach, mit jedem Meter, den ich mich mehr von zu Hause wegbewege, ruft das warme Bett umso lauter nach mir. Doch irgendwann bin ich weit genug weg, so dass die Rufe verstummen und nur noch der Rhythmus und ich übrig sind.


Ich schaue nicht auf die Uhr, ich höre zu, laufe natürlich, laufe so, wie es mein Körper vorgibt. Und kurze Zeit später bin ich vollständig wach. Ich denke nicht an gestern, nicht an den vor mir liegenden Tag, ich bin fokussiert auf den Weg, der vor mir liegt, auf die Welt, die langsamer erwacht als ich, auf die Anstrengung, die mit dem Tempo steigt. Zum ersten Mal kontrolliere ich meine Zeit – und drohe, die Kontrolle zu verlieren. Dennoch bin ich schnell. Schneller als geplant. Mein Rhythmus hat mich eingeholt, ich lasse ihn nicht vorbei. Wir laufen gemeinsam, Schritt für Schritt, als Einheit, während es langsam hell wird. Und dann bin ich in meinem Element. Ich bin Läufer.

Trotzdem ist es nicht einfach, die ersten Zweifel kommen auf, es wird zu anstrengend, der Rhythmus meines Atems ist nicht im Einklang mit jenem meiner Schritte. Ich stelle mir die Frage nach dem Sinn. In meinem Kopf gehe ich die Gründe durch, warum ich mich quäle, während andere noch die wohlige Wärme ihres Nachtschlafs genießen, während die einzige Begleitung, die ich habe, meine eigenen Gedanken sind. Das Tempo hat sich mittlerweile gesteigert, ich kann nicht mehr. Aber ich muss, aufhören ist keine Option. Die erste Pause zwischen den Intervallen sehne ich herbei. Und sie kommt, belohnt mich mit der Entlastung, die ich wie einen alten Freund umarme. Es sind nur zwei Minuten. Während dieser zwei Minuten bereite ich mich geistig auf den nächsten Tempoabschnitt vor, frage mich, wie ich die Geschwindigkeit halten soll, wenn meine Beine schon jetzt nicht mehr wollen.

Aber ich starte wieder und blicke nach 200 Metern auf die Uhr. Ich bin schnell genug, auch wenn es anstrengend ist. 800 Meter später habe ich die Soll-Zeit erreicht und bin stolz auf mich. Das Atmen fällt mir schwer, so schwer wie meine Beine sind. Wieder zwei Minuten Zeit, die mir vorkommen wie zwei Sekunden. Langsam trabe ich weiter, habe Angst vor dem nächsten Tempoabschnitt. Aber ich starte wieder los, während die ersten Lichter in den Häusern rings um mich angehen und die ersten Autos aus den Garagen fahren. Nach dem dritten Intervall habe ich die Angst verloren, weil ich weiß, dass ich es schaffe. Die Angst ist weg, der Respekt bleibt. Und respektvoll steigere ich wieder meine Geschwindigkeit, genau in jenem Moment, in dem leichter Regen einsetzt. Ich ignoriere die negativen Gedanken, die mich sofort nach Hause lenken wollen, mich unter die heiße Dusche locken. Wie Sirenen rufen sie nach mir. Aber ich höre nicht auf sie, folge ihnen nicht, sondern laufe ihnen davon, mit dem nächsten Tempoabschnitt, dem härtesten bisher. Meine Kraft neigt sich dem Ende zu, nicht ich bin es, der die Einheit schafft, sie schafft mich. Doch ich stemme mich dagegen, setze einen Fuß vor den anderen, sehe vor mir den Grund, warum ich schon 15 Kilometer gelaufen bin, wenn andere noch im Bett liegen.


Ich sehe das Ziel. Ich sehe mich selbst, wie ich die Arme nach oben strecke und es geschafft habe. Ganz klar ist es vor meinen Augen. Der 3. Mai. Der große Tag. Meine Familie, die im Ziel auf mich wartet, meine Zweifel, die ich alle bei Kilometer 35 überholt habe, meine Schmerzen, die beim Überqueren der Ziellinie plötzlich weg sind, als hätten sie niemals existiert. Ich spüre die Erinnerung, denn sie weckt das Gefühl des Erfolgs, der Belohnung für die harte Arbeit. Sie erfüllt mich mit Erkenntnis. Der nächste Intervall steht an. Der Regen fällt noch immer. Die Erkenntnis begleitet mich auf den letzten anstrengenden Metern. Sie flüstert mir zu, dass ich es bald geschafft habe, dass ich bald genießen darf. Dann dreht sich das Kräfteverhältnis und ich werde stärker. Stärker als mein Gegner, stärker als die Zeit. Ich muss nicht mehr auf die Uhr schauen, weil ich weiß, dass ich es schaffe. Ich bin nicht geschafft, sondern habe gewonnen. Mit dieser Sicherheit nehme ich das Tempo zurück und genieße die Erholung, die langsamen Schritte im Rhythmus mit mir selbst. Ich habe ihn nie verloren, er hat mich immer begleitet. Er hat mit mir gezweifelt und mit mir gewonnen, mit mir das Ziel erreicht. Nicht nur im Training an diesem frühen Morgen. Sondern er hat mir auch gezeigt, dass er mich nicht verlässt am großen Tag, dass er immer bei mir bleibt. Dann, wenn es zum ersten Mal anstrengend wird, wenn ich Zweifel an mir selbst habe, wenn ich aufgeben will. Ich muss ihn nur vorgeben. Meinen Rhythmus. Mit mir selbst.