Mehr Respekt, weniger Angst
27. Apr 2015
Karl Aumayr Karl Aumayr

Mehr Respekt, weniger Angst

Ich habe Angst. Vor vielen Dingen. Als uralter Schutzmechanismus ist die Angst ein wesentlicher Faktor, der unser Überleben sichert. Sie begleitet uns ständig: auf der Straße, in der Arbeit, in der Liebe. Sie spricht mit uns, erzählt uns von Verlust, Versagen, Schmerz und Niederlage. Niemals aber von Glück, Hoffnung, Freude und Erfolg.

Doch genau diese Gefühle will ich haben, bei Kilometer 35, wenn es schwer wird, wenn die Angst mich einzuholen droht und als ständiger Begleiter wie eine schwere Last auf meinen Schultern liegt. Ich will beim Start nicht an den Schmerz denken, der auf der zweiten Streckenhälfte zuverlässig auf mich wartet, sondern Freude erleben, das Glück verspüren, dabei zu sein, mit tausenden anderen Läufern.

Ich habe Angst. Vor vielen Dingen. Aber nicht vor dem Marathon. Der Grund ist einfach: Ich will den großen Tag nicht von der Angst dirigieren lassen, sondern meinen Rhythmus selbst vorgeben, ich will selbst entscheiden, ob ich Freude am Start empfinde oder tiefe Demut vor dem, was kommt. Wenn es schwer wird, ist es daher nicht die Angst, die mich antreibt, sondern die Motivation darüber, dass es nun erst so richtig losgeht. Wenn der Schmerz auf mich wartet, versuche ich ihn nicht auszusperren, sondern anzunehmen, mich auf ihn einzustellen, ihm mit einem positiven Gefühl zu begegnen.

Negative Gefühle haben beim Marathon keinen Platz. Viel mehr sind es die positiven Gedanken, die mich beflügeln, die mich mit jedem Schritt nach vorne treiben und die schließlich mit unbändiger Freude ausbrechen, wenn ich nach 42,195 Kilometer über die Ziellinie laufe. Angst findet dort keinen Platz. Dafür Respekt und Demut. Selbst wenn die Motivation sich anschickt, mich selbst zu überflügeln, bleibt ein Marathon, was er ist: 42,195 Kilometer.

Er wird nicht weniger, verschenkt keine Abkürzungen und verzeiht nur wenig. Er wird einem alles abverlangen, wird dabei nicht müde, wartet geduldig darauf, dass man einen Fehler macht. Und deshalb verspüre ich keine Angst, aber umso mehr Respekt. Egal, wie viele Marathons ich bereits gelaufen bin, ganz gleichgültig wie gut ich in Form bin und vollkommen belanglos, wie motiviert ich auch ins Rennen gehe: Jeder Marathon ist ein Erlebnis. Und jeder Marathon ist anders. Genau deshalb bin ich demütig vor der Herausforderung, die mich jedes Mal wieder an meine Grenzen bringt und teilweise darüber hinaus.

Niemand soll Angst vor dem haben, was auf dem langen Weg zwischen Start und Ziel passieren kann. Aber Respekt und Demut. Denn ein Marathon ist, was er ist. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Er ist kein Feind, den es zu bezwingen gilt, sondern eine Prüfung, zu der man antritt, um sie zu schaffen. Und wer gut vorbereitet in diese Prüfung geht, für den wird die Angst der Freude weichen. Sie wird Platz machen für ein großes Glück, das einen die ganze Welt umarmen lässt. Sie wird das Positive in den Mittelpunkt rücken, die Freude und die Harmonie.

Und wenn man im Ziel an den Weg zurückdenkt, ist es auch niemals die Angst, die bleibt. Sondern die freudige Erinnerung daran, dass man es geschafft hat.