Immer wenn ich faul bin
SIP_JL
31. Mar 2015
Karl Aumayr Karl Aumayr

Immer wenn ich faul bin

Ich trainiere für den Marathon. Für meinen Traum. Für die Zeit, die ich mir erhoffe und für die ich so viele Entbehrungen auf mich nehme. Für die Freude im Ziel und das unbändige Glücksgefühl, wenn der Schmerz von 42,2km höchster muskulärer Anstrengung und geistiger Konzentration nachlässt. Und ich trainiere auch für den einen Ruhetag in der Woche, den ich mir ohne Reue und schlechtes Gewissen gönne.

Und dann bin ich faul. So richtig. Das bedeutet nicht etwa, dass ich am Abend keine häuslichen Arbeiten mehr verrichte. Es bedeutet viel mehr, einfach gedankenlos abzuschweifen und nicht an den Sport zu denken. Eher denke ich an die kulinarischen Köstlichkeiten, die ich mir an diesem einen Tag immer gönne. Immer wenn ich faul bin. Da gibt es Pizza mit extra Käse. Da gibt es Chips und Bier und Schokolade. Und da gibt es auch nichts zu bereuen. Denn dann verliert der Ruhetag seine Wirkung – und auch seine Bedeutung.

Erfolge erreichen wir in der Regel durch das, was wir tun: Training. Ernährung. Leben. Das sind die Bausteine, die nicht nur den sportlichen Erfolg ausmachen. Und begleitet werden diese Bausteine meistens von schlechtem Gewissen, wenn wir sie vernachlässigen. Und genau an diesem einen Tag, dem Ruhetag, feiert man den Erfolg durch das, was man eben nicht tut. Nämlich sich mit schlechtem Gewissen herumzuplagen.

Das soll freilich kein Appell zur uneingeschränkten und gewissenlosen Völlerei sein. Nein. Es soll einfach die Tatsache unterstreichen, dass man seinen Körper auch fördern muss, wenn man ihn fordert. Dass der Geist auch einmal schwach sein darf, wenn er bei der fünften Wiederholung des dritten Intervalltrainings in einer Woche noch immer stark sein muss. Dass auf eine Belastung auch immer eine Entlastung folgen soll.

Als Läufer quäle ich mich im Training und lobe mich genau dafür danach, wenn ich mit schweren Beinen aus der Dusche steige. Doch wir leben in einer Welt von Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Einer Aktion folgt auch immer eine Reaktion. Und wenn immer nur anstrengende und fordernde Aktionen gesetzt werden, folgt unausweichlich und mit unerschütterlicher Realität irgendwann – einmal früher, einmal später – die Reaktion des Körpers. Und diese heißt dann meistens Rebellion.

Deshalb bin ich faul. Einmal in der Woche. An diesem einen Tag. Wenn ich die richtige Aktion setzen muss. Dann ist plötzlich auch die Reaktion meines Körpers ganz anders. Nämlich außergewöhnlich anders. Er ist dann dankbar für diesen einen faulen Tag. Und reagiert mit unbändiger Motivation und Energie für die neuen Trainingseinheiten, die ich dann mit mehr Elan und Stärke angehe. Und wenn es dann ganz anstrengend wird, so richtig an die Grenze geht, dann denke ich an den einen Tag. Und freue mich darauf. Ganz ohne Reue.