Zehn Fragen an Markus Sauer

Zehn Fragen an Markus Sauer

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Salzburg Marathon: Du bist Marathons gelaufen, bevor bei dir Diabetes diagnostiziert wurde, und läufst jetzt Marathons als Diabetiker. Wie viel Stress mehr ist jetzt mit an Bord?
Markus Sauer: „Gar keiner, wenn ich ehrlich bin. Ich weiß zwar, dass ich die Krankheit habe. Aber sie hat mich mental so viel stärker gemacht. Meine Erfahrungen und das Gefühl, in meinen Körper reinzuhören, sind für mich Normalität. Ich weiß, dass mein Training und die Strategie dahinter funktionieren und das gibt Sicherheit. Im Alltag bedeutet Diabetes natürlich eine zusätzliche Belastung, aber durch das Marathonlaufen gewinne ich an Lebensqualität zurück. Zum Beispiel ernähre ich mich viel bewusster als früher.“


Dein Wunschwert am Marathon-Start ist ein Zuckerwert von 180. Wie schwierig ist es für dich, diesen Wert möglichst exakt zu erwischen?
„Beim Graz Marathon war das sehr schwierig, weil ich aus dem Training noch unterschiedliche Erfahrungen hatte. Auch, weil ich üblicherweise am Nachmittag trainiere und nun versuchen musste, 1:1 meine Erfahrungen auf das Frühstück und den Vormittagsstart umzulegen. Kurz vor dem Start erreichte ich die 180, davor lag mein Zuckerspiegel höher, ca. bei 250. In Wien und Linz war mein Zucker niedriger als 180. Wie in Graz zeigte mir die Sensorenmessung meines Freestyle Libre jeweils eine fallende Tendenz an.“


Welche Auswirkung hat Nervosität am Start auf deinen Zuckerwert?
„In Graz habe ich gemerkt, dass ich sehr nervös war. Ich hab mich zu sehr damit beschäftigt, ob alles so aufgeht, wie ich mir das vorstelle. Das senkte meinen Zuckerspiegel. Beim VCM vor einigen Wochen genauso. Ich hatte Gänsehaut bereits während des Countdowns, als unser Startblock immer näher an die Startlinie herangeführt wurde, aber dennoch 20 Minuten vergingen. Beim Linz Marathon bin ich ungewollt sehr knapp zum Start gekommen und hatte keine Zeit zum Nachdenken – das war schlussendlich ein Vorteil. Ich denke, dass ich mit diesen Erfahrungen zukünftig weniger nervös sein werde.“


Um wie viel reduzierst du vor dem Start deine Basalrate an Insulin?
„Aus meinen Trainingserfahrungen weiß ich: Wenn ich die Basalte auf 15% reduziere, kann ich die Belastung bis zu vier oder fünf Stunden konstant halten, ohne dass der Zuckerwert in irgend eine Richtung ausschlägt.“


Als du in Wien und in Linz den niedrigeren Zuckerwert am Start als geplant gesehen hast. Was waren deine Gedanken mit Blick auf die stundenlange körperliche Belastung?
„In Wien habe ich aus Angst vor einer Unterzuckerung mit einem Riegel den gleichen Fehler gemacht wie in Graz – der Zuckerwert hat sich genau identisch verhalten. Er stieg zu hoch an und blieb auch während des Laufs oben. In Linz hatte ich 96 beim Start, aufgrund dieser Erfahrungen habe ich dieses Mal nur drei Stück Traubenzucker gegessen und ich war drei Stunden lang in einem ziemlich perfekten Fenster. Unterwegs habe ich eine BE Traubenzucker und zwei Schluck süßhaltiges Getränk zu mir genommen. Die Stabilität des Zuckerwerts war sensationell.“


Nach der Zielankunft: Wie viel Zeit vergeht, bis du die basale Insulinversorgung wieder auf 100% stellst?
„Beim Linz Marathon habe ich mit einer Laufzeit von dreieinhalb Stunden kalkuliert. Also habe ich 15 Minuten vor dem Start die Basalrate wie geplant verringert. Das hielt dann bis 15 Minuten nach der Zielankunft an. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich bei der Zielverpflegung mit drei Stück Kuchen und einem Radler versorgt.“


Was hattest du bei deinen Marathons an ,Hardware' direkt bei dir?
Meine Metronics-Insulinpumupe, eine mit einem Schlauch verbunde Bedienung der Pumoe, die immer am Hosenbund hängt – das stört mich nicht beim Laufen. Dazu mein Freestyle Libre Messgerät in einem kleinen Plastiksackerl in der Hosentasche, um es vor der Feuchtigkeit des Schweißes zu schützen. Und ausreichend Traubenzucker in Bauchtasche.“


Hattest du weitere Nahrungsmittel für den Fall einer Unterzuckerung dabei?
„Nein, nur Traubenzucker.“


Welche Erfahrungen hast du mit Unterzuckerungen gemacht, wie gehst du an einen Marathon heran?
„Im Wettkampf gehe ich auf Nummer sicher, um keine Unterzuckerung zu riskieren. Denn damit fährst du das Rennen gegen die Wand. Außerdem vertrage ich aus Erfahrung einen hohen Zuckerwert besser. Im Training merke ich mittlerweile eine sich anbahnende Unterzuckerung recht früh, schon bei Werten unter 115. Damit kann ich frühzeitig drauf reagieren, wenn ich Richtung 90 gehe. Oft bleibe ich stehen und setz mich kurz hin, während ich Traubenzucker zu mir nehme, oft reduziere ich einfach mein Tempo. Auf jeden Fall will ich einen hohen Anstieg des Zuckerwertes vermeiden.“


Zwischen dem Wien Marathon und dem Linz Marathon lag nur eine Woche. In diesen Tagen hast du sicherlich viel regeneriert und wenig Sport betrieben. Wie reagiert dein Diabetes, wenn plötzlich Sport ausbleibt?
„Gott sei Dank in dieser Woche gar nicht. Ich hatte große Befürchtungen, weil nach dem Graz Marathon 2018 habe ich zwei Wochen nichts gemacht und mein Zucker war unkontrollierbar. Aber nun spüre ich den Effekt des intensiveren Trainings in der Vorbereitung, so dass mein Zucker auch in den Tagen nach den Marathons stabil geblieben ist.“