Zwang statt Selbstbestimmung und Freiheit?

Zwang statt Selbstbestimmung?

Sportärztliche Untersuchungen sollen Sportlern die Sicherheit geben, gesund zu sein und ihrem geliebten Hobby folgen zu können. Dazu verhandelt Österreichs Sportministerium mit der Ärztekammer über ein verpflichtendes Attest, um bei Sportevents mitmachen zu dürfen. Höchste Zeit, weiterführende Gedanken einzustreuen und vor negativen Konsequenzen zu warnen. In erster Linie geht es mir aber um die Verhinderung von Zwangsmaßnahmen, die mit dem Verlust eigenverantwortlicher Werte und der Einschränkung der persönlichen Freiheit einhergehen.

Läuferinnen und Läufern geht es um die Freude an der Bewegung. Sie verfolgen Ihre Leidenschaft, die aus ihnen selbst kommt. Kein sportlich aktiver Mensch wird zu etwas gezwungen. Auch wenn der Druck durch gewisse Erwartungshaltungen von außen kommen kann, sind es letztlich die intrinsischen Motive, die uns antreiben und zum regelmäßigen Bewegen wie auch zur Teilnahme an Laufveranstaltungen animieren.

Aus diesem bewussten Entschluss zu joggen geht eine Verantwortungsübernahme für sich selbst einher. Dies bringt einen Gewinn an Handlungskompetenz, was bedeutet, dass sich das eigene Denken hin zu einem aktiv handelnden Subjekt verändert und umstrukturiert. Regelmäßiges Laufen führt zu mehr psychischer Stabilität. Das ist gerade in unangenehmen, schwierigen Situationen wichtig. Man geht damit entspannter und lockerer und sogar intelligenter als Vergleichsgruppen um. Allen Läuferinnen und Läufern geht es um sehr unterschiedliche Leistung, die ausschließlich von ihnen selbst erbracht wird. Sie wissen, dass sie für ihren Lauferfolg – egal auf welchem Niveau und mit welcher Zielsetzung – selbst verantwortlich sind.

Wenn jedoch das rechte, individuelle Maß verloren geht, kippen diese an sich positiven Merkmale. Besonders ehrgeizige Läufer, die sich immer länger dauernde Herausforderungen suchen, sind zunehmend introvertiert, psychisch labiler und erheblich weniger belastbar, zugleich auch zwanghaft verbissener. Ihre Lebensgestaltung zeigt sich auf mehreren Ebenen als unvernünftiger, einseitiger und ungesünder. So etwas wirkt sich natürlich auch auf deren Wettkampfverhalten aus, das bis hin zu extremen Situationen bei Ultraläufen oder Mehrfach-Triathlons tendiert. Gesund ist das dann nicht mehr.

Viele Menschen bemühen sich heute bewusst um eine gesunde Lebensweise, sei es durch mehr Bewegung, eine bessere Ernährung, mehr soziale Kompetenz oder durch weniger Stress. Hier zeigt sich eine Parallele zu der veränderten Einstellung, inwieweit der Einzelne selbst dafür verantwortlich ist, das Leben zu führen, das er sich wünscht. Dem Konzept der Selbstbestimmung folgend, bedeutet das, je mehr Entscheidungen die Menschen selbst treffen, und je mehr sie sich mit der Gesellschaft verbunden fühlen, desto erfüllter und glücklicher ist in der Regel das Leben. Der Grad an Selbstbestimmung ist dabei eine hilfreiche Messgröße.

Nun soll aber genau diese in vielen Punkten vorbildliche Gruppe gezwungen werden, ihre Selbstbestimmung zu verlieren und nur mit einem aktuellen ärztlichen Attest an sportlichen Wettbewerben teilnehmen dürfen. Laut Sportministerium betrifft in Absprache mit der Ärztekammer diese Pflichtuntersuchung den Ausdauerbereich, beginnend bei Silvesterläufen, Marathons, Langlaufvolksläufen bis hin zu Radmarathons. Argumentiert wird dieser Schritt von österreichischen Sportmedizinern auch mit der Situation in Italien. Dort wurde nach Einführung verpflichtender Screening-Untersuchungen für Wettkampfsportler eine Reduktion plötzlicher Herztodesfälle um 89 % verzeichnet. Verschwiegen wird aber dabei, dass nach Einführung dieser Maßnahmen rund zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent der bis dahin sportlich Aktiven zuhause geblieben sind. Außerdem werden viele Gutachten mangelhaft oder aus Gefälligkeit erstellt. Durch viele Besuche in Italien bei großen Events oder wie zuletzt beim Marathon in Reims (Frankreich ist ähnlich zu Italien) konnte ich genau sehen, wie und wie oft manipuliert wird. Für mich ist das nicht die Lösung des wirklichen Problems.

Es ist einfach so, dass alles, was mit Zwang behaftet wird, aus Skeptikern Gegner macht. Sie gehen dann schon gar nicht zum Arzt, melden sich in der Folge natürlich auch bei keinen Wettkämpfen an und fallen im schlechtesten Fall gänzlich aus dem (angestrebten) Gesundheitssystem. Die positive Motivation fehlt durch diese Verpflichtung komplett. Ich kann mir als Veranstalter gut vorstellen, einen „Gesundheitsbonus“ zu gewähren, wenn bei der Startnummernabholung ein nicht älter als drei Monate altes Attest von einem zertifizierten Sportarzt vorliegt. Für die Akutfälle gibt es dann immer noch das Medical Center, in dem Infekte oder ähnliche Probleme bezüglich Starterlaubnis abgeklärt werden können.

Ein Restrisiko wird immer bleiben. Einige der bekannten Todesfälle waren im Vorfeld der jeweiligen Veranstaltung sportärztlich untersucht, betreut und eingestellt worden. Unerwähnt soll auch nicht bleiben, dass sportmedizinische Untersuchungen oft mangelhaft durchgeführt werden. So hat vor einigen Jahren ein Mediziner für den Verein für Konsumenteninformation inkognito die Qualität der sportärztlichen Untersuchungen bei vierzehn Anbietern in ganz Österreich getestet. Das Testergebnis war alles andere als Vertrauen erweckend. Die Hälfte der getesteten Institutionen hat nicht einmal das Herz abgehorcht. Und nur acht von vierzehn haben EKG und Blutdruckmessung bei Belastung durchgeführt.

Ich will mich auf keine Statistik berufen, dass ab einer gewissen Anzahl schwere Zwischenfälle ganz einfach passieren. Jeder Einzelfall betrifft ein persönliches Schicksal und trauernde Angehörige, die oft nur schwer mit dieser Situation zurecht kommen. Traurig auch, wenn sich Experten auf bescheidene Studien und einseitige Evaluierungen berufen, die eine Beschönigung der Situation aufgrund der von ihnen geplanten Maßnahmen betreiben, die negativen Effekte aber außer Acht lassen. Vor Einleitung gewisser Schritte müssen diese zu Ende gedacht werden. Welche Auswirkungen haben Pflichtuntersuchungen auf den gesamten Breitensport in Österreich. Kontrollieren wir in der Folge alle Wanderer im Zugangsbereich zu alpinen Zielen?

Gut vergleichen lässt sich diese Problematik auch mit der ebenfalls von Teilen der Ärzteschaft geforderten Impfpflicht bei Masern. Um größere Infektionswellen wie im Jahr 2008 zu verhindern, braucht es bei Masern eine Durchimpfungsrate der gesamten Bevölkerung von mindestens 95 Prozent, den sogenannten Herdenschutz. Frankreich und Italien führten die Impfpflicht ein, aber Österreich ist ohne Impflicht hinsichtlich der Masernimpfung besser versorgt als die beiden genannten Länder mit.

Was mich persönlich ärgert, ist die Forderung einzelner Ärzte zur Pflichtuntersuchung, die bislang in der Aktivierung von Menschen zu mehr Sport noch nicht besonders verhaltensauffällig waren. Darf ich dieser Gruppe auch einen guten Geschäftssinn nachsagen? Das wäre nicht fair. Aber wirtschaftliche Überlegungen stellen oft die Grundlage zu solchen Forderungen dar. Auch ich will keine Teilnehmer aufgrund anlassbezogener, nicht zu Ende gedachter Maßnahmen wie in Italien verlieren. Gerne glaube ich aber den Ärzten, dass es ihnen nur um die Gesundheit der Sportler geht. Dann aber bitte auch bei jenen, die sich gar nicht bewegen und dem Gesundheitssystem die wahren Probleme und Kosten verursachen.

Eine seriöse Vorbereitung sollte das Ziel sein. Eingebettet in einen vernünftigen Trainingsprozess, wie er es für die meisten Läufer ist, stellt der Marathon als Trainingsziel kein gesundheitliches Problem dar. Die Vorbereitung darauf optimiert die biologischen Systeme, also Herz-Kreislauf-Lunge, den Stoffwechsel, die Skelettmuskulatur wie den gesamten Bewegungsapparat. Das wirkt positiv auf die Gesundheit. Der Marathon selbst rundet diesen Prozess nur ab.

Als Trainer sehe ich mich in erster Linie als Pädagoge. Daher versuche ich mit umfassenden Trainingsangeboten wie unserer derzeitigen Bewegungsaktion „Salzburg läuft!“ oder den Aktivitäten unseres Club RunAustria den notwendigen Impuls zu liefern. Ich will mit einem positiven Zugang das Risiko minimieren. Manche meinen, mit zwei Stunden wöchentlichem Training könne man einen Marathonlauf erfolgreich bestreiten. Das geht klarerweise nicht schmerzfrei ab und ist einfach nur dumm. Trotz solch mangelhafter Vorbereitung, allein daran stirbt niemand. Erst wenn drei Faktoren zusammenkommen wird es gefährlich: unzureichendes Training, falscher Ehrgeiz und mangelhafter Gesundheitszustand. Auch bei guter Leistungsfähigkeit kann eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zum plötzlichen Herztod führen. Wer die hohe sportliche Herausforderung sucht, muss rundum gesund sein. Dies erfordert eine qualifizierte ärztliche Untersuchung. Im letzten Jahr haben mich zwei ärztliche Befunde – einer nach einer Gesundenuntersuchung und ein zweiter nach einem einfachen sportärztlichen CheckUp – zusätzlich motiviert, wieder mehr sportliche Bewegung in mein Leben zu bringen. So eine Bestätigung hilft. Wichtig ist, dass der untersuchende Arzt ausdrücklich die Sporttauglichkeit für eine längere, intensive Beanspruchung bescheinigt.

Das fordere ich, jedoch ohne Zwang! Wir Menschen brauchen Freiheit und Selbstbestimmung wie die Luft zum Atmen. Was ich sagen will: Freiheit ist für uns Menschen ein elementares, wichtiges Grundbedürfnis. Und wenn wir in unserer Freiheit eingeschränkt werden, werden wir extrem grantig und unleidlich. Selbstbestimmung beinhaltet, dass Merkmale wie Motivation, Persönlichkeit und Wohlbefinden Grundelemente darstellen, die für die Erreichung von erfüllenden Zielen benötigt werden.

Ein Marathon ist immer noch eine faszinierende sportliche Herausforderung und ein erfüllendes Ziel. Er motiviert viele Menschen überhaupt erst, Ausdauersport zu betreiben. Die Chancen für die Gesundheit überwiegen sicher die Risiken, die durch eine medizinische Voruntersuchung und einen individuell angepassten Trainingsplan auch noch deutlich reduziert werden können.

Wer gesund und gut trainiert ist, hat wenig zu befürchten. Beweg dich, und lebe dein Leben!

Tipp! Hier kannst und sollst du dich seriös checken lassen: Sportmedizin